Dienstag, 5. Januar 2010

Wir Kleinbürger!



Klaus Staeck, 1972



Die Frage also bleibt: was ist so einzigartig, so verführerisch am Tischfeuerzeug, am Pepsodentgeschmack, an der konkreten Poesie, am Hobby-Raum, an Sesame-Street, an der Plastik-Zitrone, (...) an der Polaroid-Kamera, an der Auslegeware, (...) an der Metallic-Legierung, am Freizeithemd, an der Science-Fiktion, an der Flugzeugentführung an der Digitaluhr, daß es von Kamtschatka bis Feuerland niemanden, keine Nation keine Klasse gibt, die dagegen immun wäre? Ist gegen das, was unserer Klasse einfällt wirklich kein Kraut gewachsen? (...) Müssen die Vietnamesen Valium schlucken? Führt kein Weg vorbei an der Verhaltenstherapie (...)? 


fragte Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums / Eine soziologische Grille (1976). Es sollte einer Werkgruppe Sigmar Polkes den Titel verleihen: Wir Kleinbürger! Diese entstand in den 1970ern in der BRD und wurde im vergangenen Jahr von der Hamburger Kunsthalle zum Zentrum einer dreiteiligen Ausstellung gemacht. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der politischen Dimension dieser Bilder und stellt sie in Zusammenhang mit dokumentarischen Elementen und dem Schaffen befreundeter Künstler, wie zum Beispiel Klaus Staeck. (Dieser wurde 1970 mit dem Zille Preis für sozialkritische Grafik ausgezeichnet und fungiert seit 2006 als Präsident der Akademie der Künste in Berlin). Zudem wird sie mit einer weiteren Werkgruppe Polkes, Original + Fälschung kombiniert. 
Die Ausstellung präsentiert sich so hochgradig politisch, dass der Besuch gelegentlich einer informativen Zeitreise gleichkommt. In dieser Zeit mündeten die hippiesken Utopien Mancher in die Gewalttaten der RAF und die Bürgerlichkeit vieler sah sich bedroht. Die Themen der 1970er Jahre, die Ironie und Ablehnung gegenüber der kleinbürgerlich und spießig anmutenden BRD werden in großflächigen Farbspielen, voller Zitate und Anspielungen auf die Populärkultur manifestiert. Polke beschrieb das folgendermaßen: 
Meine Kunst ist wie ein Busch, der beschnitten worden ist durch Vorurteile - aber wir treiben trotzdem oder erst recht. Wir lassen uns das Blühen nicht verbieten. Und wir wuchern nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. 



Sigmar Polke, Remingtons Museums-Traum ist des Besuchers Schaum, 1979




Sigmar Polke, Sicherheitsverwahrung, 1979 




Sigmar Polke, Supermarkets, 1976

Die Schau wurde vom Kritikerverband AICA zur Ausstellung des Jahres 2009 gewählt und ist noch bis zum 17. Januar zu sehen.
Wem es nicht möglich sein sollte, diese vielschichtige und nachhaltig beeindruckende Ausstellung noch zu Besuchen, dem möchte ich gerne den begleitenden Katalog empfehlen. Hierin finden sich diverse Essays und Dokumente einer aufregenden Zeit. Unter Anderem von Diedrich  Diedrichsen, Max Schulze und Viktoria Schmidt-Linsenhoff.

Aus dem Klappentext:
Das Buch bietet ein Panorama der von Hippietum, Proto-Punk, Frauenbewegung und Terrorismus geprägten BRD, es zeigt einen völlig neuen Sigmar Polke: Zu entdecken ist ein Polke im Plural. 


>>>> Aktuell nicht lieferbar, aber es wird bestimmt bald eine neue Auflage geben!






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