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Dienstag, 16. März 2010

...korrekt und anarchisch!


Credit: Akademie der Künste (George Grosz, Tod in Venedig, 1958)



In uns sind alle Leidenschaften
und alle Laster

und alle Sonnen und Sterne,
Abgründe und Höhen,
Bäume, Tiere, Wälder, Ströme.
Das sind wir.
Wir erleben
in unseren Adern, -
in unseren Nerven. -
Wir taumeln.
Brennend
zwischen grauen Blöcken Häuser.
Auf Brücken aus Stahl.
Licht aus tausend Röhren
umfließt uns,
und tausend violette Nächte
ätzen scharfe Falten
in unsere Gesichter.


George Grosz


Das mit der Kunst und ihren Aufgabenbereichen ist so eine Sache, vor allem, wenn man ihre on-off-Beziehung zur Politik betrachtet. Politische Kunst hat immer den Beigeschmack des sinnvoll unästhetischen, unbeachtet dessen, wie kreativ und wertvoll sie in künstlerischer Hinsicht sein mag.  Künstler hingegen, die sich von politischen Fragestellungen freisprechen und bewusst distanzieren sehen sich oftmals konfrontiert mit dem Vorwurf der Belanglosigkeit. 

Credit: Akademie der Künste (George Grosz, Ecce Homo, 1916)


Die Akademie der Künste hat sich in ihrer aktuellen Ausstellung Korrekt und Anarchisch  jedoch einem ganz konkret politischen Künstler gewidmet. Mit George Grosz' Zeichnungen und Collagen, die hier noch bis zum 5. April 2010 zu sehen sein werden, hob die Akademie einen ganz besonderen Schatz aus ihren Archiven. Neben bekannten Blättern sind hier auch Skizzenbücher aus seiner Jugend zu finden. 
Insgesamt würde ich sogar sagen, dass die historische Relevanz der Blätter ein entscheidender Grund ist, sich die Ausstellung anzusehen. Mit genauem Auge und geschulter Ironie präsentiert Grosz uns hier den Alltag in der Weimarer Republik. Seine Zeichnungen entlarven auf den zweiten Blick viele Details und laden deshalb zu längerer und genauerer Betrachtung ein. Es entsteht ein Gefühl der Teilhabe, weil seine Beobachtungsgabe und Umsetzung zeitlos anmutet, somit ist ein Ausflug in vergangene Tage. Zugleich ist die Ausstellung aber auch uninteressant für Menschen die den inszenierten Event zeitgenössischer Kunst bevorzugen. Sie werden in den Zeichnungen zu lange suchen müssen, um daran Freude zu gewinnen. 

"Ach knallige Welt, du Lunapark,
Du seliges Abnormitätenkabinett.
Paß auf! Hier kommt Grosz,
Der traurigste Mensch in Europa."

George Grosz


Weil momentan meine Literaturwochen sind möchte ich Euch zum Thema keinen Bildband, sondern ein Buch mit gesammelten Gedichten, natürlich vom Künstler illustriert, empfehlen. Es heißt Ach knallige Welt, du Lunapark und wurde von Hanser verlegt. Aktuell ist es leider nur gebraucht zu erwerben, was es aber nicht weniger lesens- und betrachtenswert macht! (> amazon)













Pariser Platz 4 
10117 Berlin-Mitte 
Öffnungszeiten 
dienstags bis sonntags 11–20 Uhr
Ostermontag (05.04.2010) geöffnet 
Eintritt 
€ 5/3
bis 18 Jahre Eintritt frei
am 1. Sonntag im Monat Eintritt frei 
Samstag, 13. März 2010

...um den Finger gekringelt...



Sigmar Polke, Acht Schleifenbilder, 1986 (Detail)


Es scheint so, als gäbe es einen Künstler, der mich seit dem Ende des letzten Jahres nicht mehr loslässt und mir allerorts begegnet. So, wie ich den Eindruck hatte, dass Pipilotti Rist mich 2009 begleitete, so scheint Sigmar Polke es ihr nun gleich zu tun. Die Staffelübergabe fand in Sevilla statt, wo beide Künstler in einer Ausstellung vereint waren.
Nun habe ich Polke also 'wieder getroffen'. In München begegnete ich ihm gleich zweimal. Zum einen im Museum Brandhorst, dem ich demnächst drei Tage widmen werde, zum anderen in der Pinakothek der Moderne, die einer Werkgruppe Polkes aktuell besondere Aufmerksamkeit schenkt. Bis zum 31. März sind hier seine Schleifenbilder von 1986 ausgestellt.


Sigmar Polke, Acht Schleifenbilder, 1986 (Detail)

Die Bilder sind inspiriert durch Zeichnungen von Albrecht Dürer, die der Gruppe in der Pinakothek gegenüber gestellt sind. Sie stammen aus dem Jahr 1522. Im Begleittext ist zu lesen:


Polke vermittelt die Vorstellung einer über Kulturen, Stile und Epochen hinwegreichenden Universalität des Ornaments.  


Diese losgelösten Ornamente auf frei gewähltem, unabhängig wirkendem Untergrund sind jedenfalls derart raumgreifend, dass sie mein München-Tip für Sonntag sind. Nicht zuletzt, weil an diesem Tag der Eintrittspreis in der Pinakothek nur 1 € beträgt...   


Albrecht Dürer, Der große Triumphwaagen, 1522 (Details)






Pinakothek der Moderne
Barer Str. 40
80799 München



Di-So      10:00-17:00 Uhr
Fr           10:00-20:00 Uhr







Freitag, 8. Januar 2010

...isa hängt bei daniel!



In einem Spiegel gespiegelt: Isa Genzken, Hommage à Jasper Johns, 2009 


Er ist schwer zu finden, dieser Ort im tiefsten Westen Berlins. Fasanenstraße 30 ist die Adresse, in einer Gegend, die voll ist von Galerien, die vielmehr an die 80er Jahre erinnern, denn mit der hippen Mitte-Kunstwelt vergleichbar zu sein. Ich bin mir sicher vor dem richtigen Haus zu stehen, aber neben dem Sansibar-Sylt-Shop scheint nur eine andere Galerie zu Hause zu sein. Da bemerke ich glücklicherweise die schwarze Fahne, die über meinem Kopf weht und stelle fest, dass ich mich nicht getäuscht habe.
Hinter goldenem Klingelschild und schwerer Tür eröffnen sich mir im ersten Stockwerk des Hauses die Räume der Berliner Dependance der in Köln ansässigen Galerie Daniel Buchholz. Auf knarzendem Parkett erkunde ich also die Ausstellung Wind der deutschen Isa Genzken. Die 61-jährige, die lange Jahre mit Gerhard Richter verheiratet war, hatte im  vergangenen Jahr erst eine große Retrospektive ihrer Werke für das Museum Ludwig gestaltet. Hier in Berlin präsentiert Genzken, die 2007 vom Magazin Monopol zur bedeutendsten lebenden Künstlerin ernannt wurde, nun Ihre neuesten Arbeiten. Die Anti-Modernistin hat hierfür Wandobjekte und eine Installation aus mehreren Skulpturen angefertigt, die sich mit Hilfe ihrer multiplexen Materialität der Gegenwart widmen. Zerbrechlich oder gebrochen, irgendwo dazwischen scheinen die Antworten zu liegen. Michael Jackson taucht immer wieder auf, zwischen, hinter und unter den Materialien unserer post-modernen, globalisierten Welt. Grell präsentieren sich Plastikfiguren auf fragil erscheinenden Türmen. Wenn Boris Groys in der aktuellen Ausgabe von art schreibt: Künstler und Kuratoren stehen unter dem Zwang, ihre Praxis theoretisch und kritisch legitimieren zu müssen. Die Theorie wird so zum Teil des Kunstgeschehens (Boris Groys, Professor für Philosophie, art jan. 2010, S. 66) klingt das bei Betrachtung dieser Arbeiten nicht mehr nach Utopie, sondern nach längst eingetretener Realität. 


In Genzkens jüngsten Arbeiten sieht man sich mit den Grundmiseren der heutigen Bildhauerei konfrontiert: dem Terror der universellen Gleichwertigkeit und Austauschbarkeit aller Objekte und Materialien sowie der gleichzeitigen Unmöglichkeit, eine transgressive Definition von Skulptur mit Selektions- oder wenigstens Beurteilungsprioritäten beziehungsweise -kriterien zu versehen. 
(Benjamin Buchloh, 'All Things Being Equal: Isa Genzken', Artforum, Nov. 2005, S. 222-225)







Isa Genzken, Wind II (Michael Jackson), 2009



Isa Genzken, Wind I (David), 2009


Detail einer Installation - Isa Genzken, Wind  (D), 2009



Die Werke sind noch bis zum 30. Januar einsehbar.


Daniel Buchholz Galerie
Fasanenstr. 30
Berlin


di-fr      11-18
sa         11-16


Dienstag, 5. Januar 2010

Wir Kleinbürger!



Klaus Staeck, 1972



Die Frage also bleibt: was ist so einzigartig, so verführerisch am Tischfeuerzeug, am Pepsodentgeschmack, an der konkreten Poesie, am Hobby-Raum, an Sesame-Street, an der Plastik-Zitrone, (...) an der Polaroid-Kamera, an der Auslegeware, (...) an der Metallic-Legierung, am Freizeithemd, an der Science-Fiktion, an der Flugzeugentführung an der Digitaluhr, daß es von Kamtschatka bis Feuerland niemanden, keine Nation keine Klasse gibt, die dagegen immun wäre? Ist gegen das, was unserer Klasse einfällt wirklich kein Kraut gewachsen? (...) Müssen die Vietnamesen Valium schlucken? Führt kein Weg vorbei an der Verhaltenstherapie (...)? 


fragte Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums / Eine soziologische Grille (1976). Es sollte einer Werkgruppe Sigmar Polkes den Titel verleihen: Wir Kleinbürger! Diese entstand in den 1970ern in der BRD und wurde im vergangenen Jahr von der Hamburger Kunsthalle zum Zentrum einer dreiteiligen Ausstellung gemacht. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der politischen Dimension dieser Bilder und stellt sie in Zusammenhang mit dokumentarischen Elementen und dem Schaffen befreundeter Künstler, wie zum Beispiel Klaus Staeck. (Dieser wurde 1970 mit dem Zille Preis für sozialkritische Grafik ausgezeichnet und fungiert seit 2006 als Präsident der Akademie der Künste in Berlin). Zudem wird sie mit einer weiteren Werkgruppe Polkes, Original + Fälschung kombiniert. 
Die Ausstellung präsentiert sich so hochgradig politisch, dass der Besuch gelegentlich einer informativen Zeitreise gleichkommt. In dieser Zeit mündeten die hippiesken Utopien Mancher in die Gewalttaten der RAF und die Bürgerlichkeit vieler sah sich bedroht. Die Themen der 1970er Jahre, die Ironie und Ablehnung gegenüber der kleinbürgerlich und spießig anmutenden BRD werden in großflächigen Farbspielen, voller Zitate und Anspielungen auf die Populärkultur manifestiert. Polke beschrieb das folgendermaßen: 
Meine Kunst ist wie ein Busch, der beschnitten worden ist durch Vorurteile - aber wir treiben trotzdem oder erst recht. Wir lassen uns das Blühen nicht verbieten. Und wir wuchern nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. 



Sigmar Polke, Remingtons Museums-Traum ist des Besuchers Schaum, 1979




Sigmar Polke, Sicherheitsverwahrung, 1979 




Sigmar Polke, Supermarkets, 1976

Die Schau wurde vom Kritikerverband AICA zur Ausstellung des Jahres 2009 gewählt und ist noch bis zum 17. Januar zu sehen.
Wem es nicht möglich sein sollte, diese vielschichtige und nachhaltig beeindruckende Ausstellung noch zu Besuchen, dem möchte ich gerne den begleitenden Katalog empfehlen. Hierin finden sich diverse Essays und Dokumente einer aufregenden Zeit. Unter Anderem von Diedrich  Diedrichsen, Max Schulze und Viktoria Schmidt-Linsenhoff.

Aus dem Klappentext:
Das Buch bietet ein Panorama der von Hippietum, Proto-Punk, Frauenbewegung und Terrorismus geprägten BRD, es zeigt einen völlig neuen Sigmar Polke: Zu entdecken ist ein Polke im Plural. 


>>>> Aktuell nicht lieferbar, aber es wird bestimmt bald eine neue Auflage geben!






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