Montag, 19. April 2010

...julia kapert den deich!








Seit geraumer Zeit spiele ich mit dem Gedanken wieder einmal nach Düsseldorf zu fahren, denn ich erhoffte mir, dort eine der beachtlichsten Sammlungen an Videokunst sehen zu können. Wie es der Zufall so will, kam mir die Julia Stoschek Collection jetzt allerdings entgegen und ist seit letzter Woche zumindest teilweise in den Deichtorhallen in Hamburg zu bewundern. Zwischen bekannten Klassikern der Video-Art von Marina Abramovic und Pipilotti Rist, deren Arbeit I want to see how you see auch den Titel zur Ausstellung lieferte, ist hier auch Neues, wie zum Beispiel ein Video von Björk aus dem Jahre 2008 und die Arbeiten unbekannterer Künstler zu sehen. 

Die meisten Annäherungen an ein Werk erfolgen bei mir über den persönlichen Kontakt mit dem Künstler. (...) In jüngster Zeit rücken auch originäre Kunsterfahrungen immer mehr in den Mittelpunkt meines Interesses, Zeichnung und Performance faszinieren mich außerordentlich.

So erscheint es auch wenig verwunderlich, dass die Sammlung deshalb in Hamburg zu sehen ist, weil die eigenen Räume der Sammlerin in Düsseldorf-Oberkassel während des Frühsommers diesen Jahres für Performances genutzt werden.


Wer die Ausstellung in den Deichtorhallen jedoch besucht, der sollte sehr viel Zeit und Muse einplanen, da die Mehrzahl der Exponate bewegte Bilder der Kategorie Time-Based Media Art sind, deren Dauer zwischen wenigen Minuten und drei Monaten variiert. Außerdem wird es nach einiger Zeit sehr anstrengend sich auf die Videos oder auch Video-Installationen, die mit mehreren Leinwänden und dem Raum arbeiten, zu konzentrieren. Dann sollte man sich eine Pause gönnen oder am Besten ein zweites mal kommen, was auch ich erwäge...

Befremdlich wirken an der Sammlung nur zwei Dinge, die sogleich einen fahlen Beigeschmack hervorrufen. Zum einen ist da die außerordentliche Präsenz der Sammlerin, die nicht nur auf Plakaten in der halben Stadt zu sehen ist, sondern auch als Testimonial an den Aussenwänden des Ausstellungsgebäudes prangt.  Zum anderen ist da ihr Alter. Sie ist gerade einmal Anfang 30. Hinzu kommt ihre finanzielle Absicherung als Erbin eines Autozulieferers, ihr gutes Aussehen und ihr fast bieder wirkender Bekleidungsstil. Als Lebensgefährtin des Photographen Andreas Gursky (erfolgreicher, künstlerisch tätiger Photograph) hatte sie weitere offene Türen vor sich. Und so kommt alsbald die Frage auf, ob man hier auch etwas leidenschaftliches finden könnte, hinter der glatten Fassade einer Frau, die sowohl zwischen Daniel Richter und Thomas Demand (beide Deutsche Künstler, die der Eröffnung der Ausstellung beiwohnten) als auch in der Vogue ihren Platz fand. 
Wer sich eingehender mit der jungen Dame beschäftigt, wird allerdings schnell merken, dass er ihr unrecht tut, wenn er ihre Ausstrahlung und das Glück, durch das ihr Leben gesegnet scheint, gegen sie verwendet. Der Kurator soll sich für sie als Covergirl und auch für ein Bild von ihr in der Ausstellung entschieden haben. Und natürlich könnten viele eine solche Sammlung aufbauen, wenn ihnen die finanziellen Mittel zur Verfügung ständen, aber wie viele tun es nicht, obschon sie das Geld haben? Stoschek verkörpert eine neue Generation von Sammlerinnen an die wir uns gewöhnen müssen und hoffentlich auch dürfen. Unsere -partiell sexistisch unterfütterten - Vorurteile gegenüber einer jungen und ambitionierten Sammlerin dürfen uns deshalb nicht über ihre Fachkenntnis und Leidenschaft hinwegtäuschen. Mit Interviews, einer ständig größer werdenden Sammlung und einer Gastprofessur an der Uni Münster demonstriert sie immer detaillierter ihr Wissen und ihre Besessenheit. Wir müssen ihr nur zuhören, anstatt sie aufgrund oberflächlicher Merkmale zu unterschätzen...

Besonders interessant erscheint in diesem Zusammenhang auch das Augenmerk, das sie auf die feministische Videokunst der 70er Jahre gerichtet hat. Ein Beispiel aus der Ausstellung, von Martha Rosler möchte ich hier zeigen:




Bei mir selbst ist nun zumindest eines gewachsen und geblieben: das Bedürfnis mal wieder nach Düsseldorf zu fahren, um die gesamte Sammlung dort unter ihrer eigenen (mit ihrem Team) entwickelten Kuration zu sehen.


   zu sehen bis zum 25. Juli 2010 in den Deichtorhallen:



   Deichtorstraße 1 - 2
   D-20095 Hamburg
   Tel. +49-(0)40-32 10 30
   Fax +49-(0)40-32 10 3-230

  Öffnungszeiten in der großen Deichtorhalle ab 16.04.2010:
  Di, Mi, Do 14 - 21 Uhr (außer an Feiertagen) und Fr, Sa, So 11 - 18 Uhr

  

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