Montag, 3. Mai 2010

...krawall und remmidemmi...





...ist nirgendwo schöner, als auf St. Pauli. Man kann der nordischen Hansestadt ja vieles absprechen: Urbanität, Schnelllebigkeit oder den Sinn für die schönen Künste. Die Randale am 1. Mai jedoch und auch andere Krawall-Anlässe, gestalten sich hier allerdings genauso entspannt, wie alle anderen Aktivitäten. 
Wer den 1. Mai schon einmal am Kotti in Berlin erlebt hat, oder jemanden kennt, der es tat, der weiß, wie ungut sich das auf die Tagesplanung und das eigene Wohlbefinden ausüben kann. Überrollt von emotionaler Aggressivität, roher Gewalt und sich auftürmenden Massen gerät hier die polizeiliche Antiaggressions-Strategie alljährlich ins straucheln und verabschiedet sich in die Gräben der Kämpfe.
Nicht so im Hamburger Schanzenviertel, wo die Rote Flora zu finden ist, die verkündete:

Sonntag, 02.05.2010
Offener Hinterhalt
Im Mai wollen wir der Vokü ein neues Dach bauen und freuen uns über eure Unterstützung! Kommt vorbei, diesmal am 1. und am 2. Mai (Samstag und Sonntag) ab 14Uhr. Cool ist es, wenn ihr einfach ein bisschen Werkzeug mitbringt (Akkuschrauber, Stemmeisen, Hammer….) müsst ihr aber nicht. Wir bauen so lange, wie wir Lust haben, aber schätzungsweise bis 19/ 20Uhr. Wir freuen uns! Ansonsten: einen schönen (revolutionären) ersten Mai!
Beginn: 14 Uhr

Und so pilgerten die jungen Menschen in die Schanze, um dort an einem Dach zu bauen. Deshalb trugen sie auch Werkzeug bei sich, als die Polizei begann über sie herzufallen. Zu einem großen Teil politisch unmotiviert und daher gutgelaunt wird in Hamburg die Randale gestartet. Man freut sich auf das Ereignis und weiß sich sicher in der eigenen kleinen Welt. Die Wenigsten, die hier lautstark pöbelnd und Steine werfend durch die Straßen ziehen, haben schon einmal die Hitze eines sozialen Brennpunktes erfahren, wie es beispielsweise bei französischen Straßenkämpfern der Fall ist. Das Bedürfnis Autos umzuwerfen verspüren die größtenteils Halbstarken dennoch. Ob es an Mut oder Kraft fehlte weiß ich nicht, aber ich konnte einen gescheiterten Versuch beobachten. 



Wie es im Endeffekt verlief und wie die Presse die Randalierer sieht, war auf Spiegel Online recht klar zusammengetragen:

Der Abend der Arbeit beginnt hier mit einem Wackersteinangriff um kurz nach halb zehn Uhr nachts. Mittels Wurfgeschossen aller Art wird die Sparkasse an der Ecke "entglast", wie man in der Szene sagt. Auch die Deutsche Bank schräg gegenüber verwüsten die jungen Männer in Schwarz, deren Begründung dafür etwas schlicht ausfällt: "Ey, Alter, ich hab einfach Bock auf Randale", sagt einer, der keine 20 ist.
Auch in Hamburg sucht man an diesem langen Abend vergeblich nach politischen Parolen, Slogans, Bannern, Fahnen oder Sprüchen. Der Schwarze Block schreit höchstens einmal: "Geht nach Hause, Bullen!" Junge Krawallkinder aus Problemstadtteilen, zahlenmäßig mindestens ebenso stark wie die Autonomen, brüllen überwiegend Unverschämtheiten, in denen die Mütter der Polizisten eine entscheidende Rolle spielen.

Die vielen Schaulustigen haben allerdings keine Angst in die Schusslinie zu geraten. An der Sparkasse wird Geld abgehoben, auch wenn sie schon entglast ist, und sodann im Viertel umgesetzt. In einer Querstraße gibt es beispielsweise einen recht annehmbaren Sushi-Laden, von wo aus man einen hervorragenden Blick auf die Ausschreitungen hat. Zugleich hört man es durch die Straßen stöckeln und kann den jungen Studenten, die keine Lust auf Gewalt im schwarzen Kapuzensweater haben, beim Latte Macchiato trinken zusehen. Sie haben keine Angst, weil hier keine rohe Gewalt und blanker Hass regiert, der durch Unterdrückung genährt wurde. Vielmehr befinden wir uns inmitten der modernen Gladiatorenkämpfe. Bezahlt haben wir alle. Mit unseren Steuergeldern werden schließlich all die Beamten mit ihren Blaulichtern und Wasserwerfern finanziert. 
Die meisten Zuschauer fühlen sich nicht als Linke oder Sympathisanten des schwarzen Blocks. Dennoch haben viele von ihnen nicht die beste Meinung von der Polizei und ihren ausschwärmenden Kampftruppen. Vor Ort kann man nun genau beobachten, ob die vermummten Männchen sich übermäßig aggressiv verhalten oder ob dem ganzen Einhalt geboten werden sollte. Man bildet sich eine Meinung bezüglich Strategie und Vorgehensweise und wer Glück hat, der kennt einen, bei dem er sich aufs Dach stellen kann. Von Oben könnte die Analyse noch leichter fallen.


Das Viertel wirkt am nächsten Morgen noch immer fröhlich und entspannt. Wer nachts nicht unterwegs war, oder irgendwann ins Bett wollte, ist nun in der Sonne unterwegs, macht Photos und trinkt Galao. Und zwei Stunden nach meinen Aufnahmen waren die hier zu sehenden Scheiben bereits ausgetauscht. Sonntags. Und möglich machte es der Tag der Arbeit.  



Das überall halb verkohlter Müll herumliegt scheint hingegen keinen zu stören. Man ist entspannt in Hamburg. Man freut sich auf die nächste Stein-Werfen-Demo-Fest-Veranstaltung, pilgert wieder ins Viertel und fragt sich: Sushi oder Steine? 

Ein Anwohner schrieb und klebte folgendes:






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